Viele Eltern kennen diesen Moment: Mitten im Vorlesen fällt der Name des Kindes und sofort verändert sich etwas. Das Kind schaut auf, rückt näher, wird still oder lacht. Dasselbe passiert im Supermarkt, auf dem Spielplatz und in der Kita: Der eigene Name dringt durch den Lärm. Man könnte das für eine Kleinigkeit halten. Doch die Entwicklungspsychologie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, warum der eigene Name eine so besondere Rolle spielt und ob sich das für das Lesenlernen nutzen lässt.
Für Eltern, die ein Buch auswählen, ist das keine theoretische Frage. Personalisierte Bücher setzen genau hier an: Der Name des Kindes taucht im Text auf, oft trägt die Hauptfigur ihn. Ob das nur ein hübsches Extra ist oder ob dahinter mehr steckt, lässt sich anhand von drei Studien einordnen. Sie betrachten drei Phasen der Entwicklung: das Babyalter, das Vorlesen im Kleinkindalter und den Weg zu Buchstaben und Schrift.
Schon Babys kennen ihren Namen
Die Antwort beginnt überraschend früh. Mandel et al. (1995) untersuchten Babys im Alter von viereinhalb Monaten. Weil Babys in diesem Alter weder sprechen noch Fragen beantworten können, nutzten die Forschenden ein Hörpräferenz-Verfahren. Das Baby sitzt auf dem Schoß eines Elternteils, aus Lautsprechern werden Namen abgespielt, und gemessen wird, wie lange es in Richtung des Lautsprechers schaut. Wer länger hinschaut, findet das Gehörte interessanter oder vertrauter.
Die Babys hörten ihren eigenen Namen und andere Namen. Darunter waren auch Namen mit ähnlichem Betonungsmuster, die also ähnlich klangen. Das Ergebnis: Die Babys hörten ihrem eigenen Namen länger zu als den anderen Namen. Sie erkannten also nicht nur einen bestimmten Rhythmus, sondern den Klang ihres Namens. Der Name gehört damit zu den allerersten Wörtern, auf die ein Kind besonders reagiert, lange bevor es selbst sprechen kann. Dieser frühe Wiedererkennungseffekt ist eine Art sprachliches Fundament, auf dem spätere Entwicklungsschritte aufbauen können.
Im Buch: mehr Lachen, mehr Austausch
Was passiert, wenn der Name nicht in einer Hörprobe, sondern in einem Buch auftaucht? Kucirkova et al. (2013) beobachteten sieben Eltern-Kind-Paare bei sich zu Hause. Die Kinder waren zwischen 12 und 33 Monate alt. Jedes Paar sah sich drei Bücher an: ein für das Kind angefertigtes personalisiertes Buch, ein vergleichbares nicht personalisiertes Buch und das Lieblingsbuch des Kindes. Die Situationen wurden gefilmt und danach ausgezählt, wie oft Lächeln, Lachen und Lautäußerungen vorkamen.
Bei den personalisierten Büchern lächelten und lachten Kinder und Eltern deutlich häufiger als bei den nicht personalisierten. Im Vergleich zum Lieblingsbuch gab es außerdem mehr Lautäußerungen, es wurde also mehr gesprochen und gelautet. Bemerkenswert ist, woher die Reaktionen kamen: Die positiven Gefühle der Kinder entstanden vor allem als Antwort auf den Inhalt der personalisierten Bücher, während die Eltern vor allem dann lächelten, wenn das Kind gelächelt oder gelacht hatte. Das Kind gibt also den Ton an, und die Eltern steigen ein. Aus reinem Zuhören wird häufiger ein gemeinsames Erleben.
Der Name als erstes Wort
Der Name begleitet Kinder auch auf dem Weg zur Schrift. Bloodgood (1999) begleitete ein Schuljahr lang 67 Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren in Vorschule und Kindergarten. Es gab Erhebungen im Herbst und im Frühjahr, außerdem Beobachtungen im Unterricht sowie Gespräche mit Lehrkräften und Eltern. Im Mittelpunkt stand, wie sich Form, Funktion und Wahrnehmung der geschriebenen Namen der Kinder veränderten.
Die Studie zeigt, dass die Fähigkeit, den eigenen Namen zu erkennen und zu schreiben, eng mit anderen frühen Fähigkeiten zusammenhängt, etwa dem Erkennen von Buchstaben und ersten Wörtern. Für viele Kinder ist der eigene Name das allererste Wort, das sie zuverlässig lesen und schreiben können, noch bevor sie im eigentlichen Sinn lesen lernen. Warum das so ist, liegt nahe: Der Name ist bedeutsam, er begegnet dem Kind ständig, und seine Buchstaben sind die vertrautesten, die es kennt. Das ist allerdings eine Deutung und kein eigenes Ergebnis der Studie.
Was man nicht überschätzen sollte
Die drei Studien ergeben ein stimmiges Bild, aber sie beweisen weniger, als es auf den ersten Blick scheint. Die Beobachtung von Kucirkova et al. (2013) umfasst nur sieben Familien. Sie zeigt, dass personalisierte Bücher mehr Freude und mehr Gespräch hervorrufen können. Ob die Kinder dadurch mehr lernen, wurde dort nicht gemessen, und mehr Lachen bedeutet nicht automatisch mehr Lernen.
Auch die Studie von Mandel et al. (1995) beschreibt eine frühe Aufmerksamkeitsreaktion. Sie zeigt, dass Babys ihren Namen erkennen, aber nicht, dass sich daraus später bessere Leseleistungen ergeben. Und die Untersuchung von Bloodgood (1999) beschreibt Zusammenhänge zwischen Namen und frühen Schriftkenntnissen. Ein Zusammenhang ist noch kein Beweis dafür, dass das Üben des eigenen Namens das Lesenlernen verursacht. Zusammengenommen sprechen die Studien dafür, dass der Name ein starker Anknüpfungspunkt ist. Sie belegen nicht, dass ein personalisiertes Buch besser lesen lehrt als ein anderes gutes Buch.
Hinzu kommt ein praktischer Punkt: Ein Name im Text ersetzt keine gute Geschichte. Der Effekt, auf den die Studien hinweisen, ist ein Türöffner. Was danach kommt, hängt davon ab, ob die Geschichte etwas zu erzählen hat und ob ihr euch Zeit dafür nehmt.
Was das für euren Alltag bedeutet
Ihr müsst nicht sofort ein Buch kaufen, um den Effekt zu nutzen. Der Name eures Kindes lässt sich auch in jedes andere Vorlesen einbauen:
• Stellt Fragen mit dem Namen: Was würde Mia an der Stelle tun? Wie fühlt sich Ben jetzt wohl? Das holt das Kind in die Geschichte.
• Sucht gemeinsam die Buchstaben des Namens, im Buch, auf Schildern, auf Verpackungen. Das ist eine spielerische Idee und kein Programm aus den Studien.
• Lasst euer Kind seinen Namen auf Zeichnungen schreiben, auch wenn einzelne Buchstaben noch verrutschen. Die Studie von Bloodgood (1999) beschreibt, wie sich die Namensschreibung im Kindergartenjahr verändert. Es lohnt sich also, diese Entwicklung wahrzunehmen.
• Wenn euer Kind bereits Erstleser ist, beginnt das Lesen manchmal am leichtesten beim bekannten Wort: dem eigenen Namen im Text.
Wer ein personalisiertes Buch nutzt, knüpft damit an eine der frühesten Verbindungen an, die ein Kind zur Sprache hat. Für den nächsten gemeinsamen Lesemoment lohnt sich deshalb vielleicht ein bewusster Blick darauf, wie oft sich das eigene Kind in seinen Büchern tatsächlich wiederfindet, mit dem Namen, aber auch mit dem Aussehen und dem Alltag, den es kennt.
Auf den Punkt gebracht
Der eigene Name ist für Kinder weit mehr als eine Bezeichnung. Er wird schon im Babyalter erkannt, er macht Vorlesesituationen in einer kleinen Beobachtungsstudie spürbar lebendiger, und er hängt eng mit den ersten Schritten beim Lesen und Schreiben zusammen. Wer personalisierte Bücher nutzt, knüpft damit an eine der frühesten und stärksten sprachlichen Verbindungen an, die ein Kind hat. Die Studien zeigen Zusammenhänge und Beobachtungen, aber keinen Beweis, dass ein personalisiertes Buch besser lesen lehrt.
Unsere Quellen
Bloodgood, J. W. (1999). What's in a name? Children's name writing and literacy acquisition. Reading Research Quarterly, 34(3), 342-367.
Kucirkova, N., Messer, D., & Whitelock, D. (2013). Parents reading with their toddlers: The role of personalization in book engagement. Journal of Early Childhood Literacy, 13(4), 445-470.
Mandel, D. R., Jusczyk, P. W., & Pisoni, D. B. (1995). Infants' recognition of the sound patterns of their own names. Psychological Science, 6(5), 314-317.
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